Nadine Wenger See schwanger

Das Recht auf eine natürliche Geburt

 

Frauen sind in den letzten Jahrzehnten in vielen Bereichen aktiv geworden und haben für ihr Recht gekämpft. Sei es im Beruf, in der gesellschaftlichen Stellung oder in der Politik. Doch wie sieht es aus mit dem Recht auf eine natürliche Geburt? Eine Geburt, wo Mutter und Baby mit Würde und Respekt behandelt werden?

Eine Geburt ohne Trauma und Verletzung, ein Fest der Liebe. Ist es nicht an der Zeit, dass Frauen sich auch wieder dieses Rechtes bewusst werden und sich selber und ihrem Kind zugestehen: ich erlebe die Geburt natürlich und selbstbestimmt, genauso wie ich es mir wünsche.

Doch was hindert uns Frauen daran? Genaugenommen wir selber, denn durch die Medien, wie auch innerhalb vom eigenen Umfeld und der Erziehung wurde uns oftmals suggeriert, wie gefährlich eine natürliche Geburt sei. Dies geschieht nach wie vor, einerseits aus Unwissenheit, andererseits auch bewusst als Kontrollmechanismus und natürlich auch aus finanziellen Gründen, denn nach wie vor ist der Kaiserschnitt eine sehr lukrative Einnahmequelle und liegt im Interesse der Pharmaindustrie.

Natürlich steht nicht immer gleich ein Kaiserschnitt als Wunschvorstellung an erster Stelle. Viele Frauen sind sich bewusst, wie ein Baby dadurch geprägt wird und wünschen sich sehnlichst eine natürliche Geburt. Diese verläuft jedoch im Kranken-Haus dann alles andere als nach ihren Vorstellungen. Tatsache ist, dass nicht die Geburt an sich das Risiko darstellt, sondern die Interventionen die stattfinden, sobald die Schwangere eingewiesen wird. Die eigene Macht, die eigenen Bedürfnisse und damit meist auch der Traum einer schönen Geburt werden so bereits an der Tür abgegeben. Die vermeintlich ‚sichere Geburt‘ wird somit oft zum unnötigen Problemfall.

Wichtige Faktoren, die zwingend sind für einen ungestörten Geburtsprozess sind Zeit, Vertrauen in den natürlichen Ablauf und die Frau als Gebärende; Menschen, die nicht eingreifen, sondern geschehen lassen, Ruhe und Geborgenheit, ein gemütliches ‚Nest‘. Doch dies ist eben meist selten im Krankenhaus zu finden. Wo dann?

Wo habe ich jede Menge Zeit, damit ich in Ruhe, in meinem Tempo mein Kind gebären kann? Wo untersucht mich nicht andauernd jemand, um zu kontrollieren, ob mein Muttermund sich nach Schema F öffnet? Wo werde ich respektiert, wo werden meine Wünsche beachtet und umgesetzt? Es kann durchaus im Krankenhaus sein, doch die meisten Geschichten klingen anders. Wie oft hört man von Geburten, die ganz und gar nicht nach Wunsch verliefen. Frauen müssen sich bewusst sein, dass sie unter der Geburt alle Energien und Reserven brauchen, um das Baby zu gebären.

Es braucht jemanden, der die Frau unterstützt und ihre Rechte vertritt. Dies kann der Mann, Partner, eine Freundin oder Mutter sein, auch eine Doula kann diese Position einnehmen. Es ist wichtig, dass jemand die Bedürfnisse unmissverständlich klar darlegt und sie auch vertritt, damit die Gebärende sich ganz auf den Geburtsprozess und ihr Kind konzentrieren kann. Auch eine Variante wäre eine Vertrauenshebamme zu wählen, welche durch Vorgespräche genauestens informiert ist und die Mutter während der ganzen Geburt begleitet.

Bedeutend grössere Chancen auf eine komplikationslose und schöne, natürliche Geburt ist die Geburt in den eigenen vier Wänden. Bei der Hausgeburt entfällt das starre Zeitschema einer Klinik. Es geht hier nicht mehr um Routineabläufe, sondern um ein individuelles, intimes Geschehnis. Hier wird es möglich, den Zauber und die Heiligkeit einer Geburt wieder zu erleben.

Bei der ersten Geburt hatte ich mich für das Geburtshaus entschieden, da ich mich damals noch nicht an eine Hausgeburt heranwagte. Doch selbst im Geburtshaus, mit liebevollen Hebammen und behaglich eingerichtetem Geburtszimmer mit Wanne, ja selbst da wurde eingegriffen. Aus diesem Grund entschied ich mich bei der zweiten Geburt nicht nur ganz klar für eine Hausgeburt, sondern wollte das Baby auch alleine zur Welt bringen. Dass jemand anders, Arzt oder Hebamme, mir die Geburt abnehmen kann ist reine Illusion. Jede Frau, die vaginal ihr Kind zur Welt bringt, tut dies selber, ob da noch jemand dabei ist, zuschaut, womöglich störend eingreift oder nicht, es ist die Frau, die das Kind zur Welt bringt! Dies war mir vollkommen bewusst, deshalb war ich mir auch sicher, dass ich das am besten kann, wenn gar niemand dabei ist, nicht mal mein Mann. Weshalb? Nun, ich bin der Typ Mensch, der beim Gang auf die Toilette oder beim Konzipieren des Babys keine Zuschauer braucht, im Gegenteil. Wenn ich alleine bin, geht alles ganz von selbst.

Ein Geburt fängt ganz leise an und die ‚Vorbereitungsphase‘ kann sich so länger hinziehen. Das ist diese Phase, wo die Wehen sehr angenehm sind, einfach ein kleines Ziehen, eigentlich ganz unbedeutend. Wenn es dann richtig losgeht und ich selber weiss, ja, das ist Geburt, dann dauert es keine 1 ½ Stunden und das Baby ist geboren. Nicht mit künstlichen, unaushaltbaren langen Wehen ohne Pause, nein ganz einfach mit sehr kurzen Wehen, langen Pausen und dabei sehr viel Freude und Entspannung.

Es ist mit Worten kaum zu beschreiben, welches Gefühl eine solche Geburt auslöst. Für mich waren es die intensivsten und gleichzeitig unglaublich schönsten Augenblicke meines Lebens. Ich spürte die Präsenz des ewigen Lebens mit jeder Faser meines Körpers, die unendliche Liebe, die dabei fliesst, die Anwesenheit des Göttlichen und die Verbundenheit mit der Natur, ja dem ganzen Universum. Es ist die Heiligkeit einer Geburt, die mir jedes Mal fasst den Atem nimmt und mich dabei in Tränen der Freude zum Lachen bringt. Das Staunen über ein solches Wunder ergreift mich jedes Mal. Dieses Wunder erleben zu dürfen, ist die tiefste Erfahrung im Leben. Aus dieser Erfahrung heraus war mir klar, genauso wollte ich wieder gebären und nicht anders. So brachte ich auch unser drittes, viertes und fünftes Kind wieder alleine zur Welt.

Ich wünsche mir wirklich von Herzen, dass wieder viele Frauen, dieses Wunder, diese Tiefe, diesen heiligen Tanz der Geburt in Liebe erleben dürfen. Es ist nicht nur das Recht der Mutter, es ist auch das Recht eines Kindes, auf diese Weise das Licht der Welt zu erblicken. Was für ein Unterschied ein solcher Start ins Leben mit sich bringt haben Menschen wie Frédérick Leboyer oder Michel Odent in unzähligen Geburten erkannt. Bemerkenswert, dass beide in ihrer Stellung und Funktion als Ärzte und Geburtshelfer die Wichtigkeit einer ungestörten, natürlichen Geburt entdeckt haben.

Es ist nicht einfach, als Arzt oder Hebamme sich gegen Zeitdruck, Routine und Vorschriften durchzusetzen. Es erfordert ein regelrechtes Umdenken des ganzen Gesundheitssystems. Doch jede Frau hat das Recht, sich darüber klar zu werden, wo, wie und mit wem sie diese intime Erfahrung einer Geburt teilen möchte.

Eine erfüllende, natürliche Geburt ist eine starke Basis, um eine liebevolle Beziehung aufzubauen. Gerade in der sensiblen Phase der Wochenbettzeit, in der die Hormone von Schwangerschaft, über Geburt hin zur Stillzeit umstellen, sind Depressionen und Stimmungsschwankungen viel weniger ein Thema, wenn der Zauber einer schönen Geburt, anstelle von Enttäuschung oder gar Trauma nachklingt. Das Leuchten in den Augen einer stolzen Mutter, die ihr Baby selbstbestimmt, in Geborgenheit und Liebe gebären konnte, ist das, was ich den Zauber einer vollendeten Geburt nenne. Wie und wo auch immer, dies ist pures Lebensglück!

 

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